Anwalt der Schizoiden Die Quantentheorie", so schreibt er, "wurde bekanntlich mit dem Arsch ersessen." Er behauptet: "Stil ist Suggestion, Korrumpierung, Masturbat." Oder auch: "Form ist ein Tripper." Und auf seinem Briefpapier figuriert er als "Zivilkonsulent für Fragen der Lebensart" und bietet allerlei unschätzbare Dienste an: "Ideen für Kunst, Literatur, zwischengeschlechtliche Beziehungen, Prognosen in Philosophie, Politik, Zeitgeist", sowie einfach: "Wahrnehmungen und Anwesenheiten". Ja, der Oswald ("Ossi") Wiener, 34, ist schon ein origineller Kopf. Seine Ideen, Prognosen und Wahrnehmungen, die der Lebensart-Berater in den letzten sieben Jahren machte, niederschrieb und abschnittsweise in der Grazer Literaturzeitschrift "Manuskripte" publizierte, wurden unter Insidern der Branche schon lange als Geheimtip der Saison gehandelt. Jetzt erschienen sie als Rowohlt-Buch und gelten bereits (so die "FAZ") als "einer der zentralen Texte einer neuen Literatur". Sein Titel: "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman"*. Mit diesem Wiener-Werk wird nun als letzter der wohl interessanteste Autor einer österreichischen Avantgarde-Truppe bekannt gemacht, die erst jetzt -- zehn Jahre nach ihrem Zerfall -- zu Ruhm und Anerkennung kommt: die genialisch-wirre (nicht nach Wiener, sondern nach Wien benannte) "Wiener Gruppe". Dieses trinkfrohe und showbegabte Künstler-Kollektiv fand sich in den fünfziger Jahren um den vielseitigen Literatur-Vermittler und -Anreger EI. * Oswald Wiener: "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 208 Seiten; broschiert 10,80 Mark, Leinen 28 Mark. C. Artmann zusammen. Es veranstaltete erste Happenings und schwarze Messen, schreckte die Wiener Kaffeehaus-Kultur mit rüden Manifesten und experimentierte: mit "Ein-Ton-Musik", mit "Montagen", mit "konkreter Poesie", mit "methodischem Interventionismus" und "totalem Theater". Oswald Wiener, der nacheinander das Studium der Jurisprudenz, der Musikwissenschaft, der afrikanischen Sprachen und der Mathematik begonnen hatte, stieß als Trompeter der "Jazzband Jesus Christbaum" zu den von der etablierten Kritik verschwiegenen oder angefeindeten "Entartmännern" (Artmann, Rühm, Bayer und Achleitner). Er gab "eine Art Theoretiker der Wiener Gruppe ab", war aber "mit dem, was ich geschrieben habe, damals sehr unzufrieden". 1959 sprengte Wiener die Gruppe: "Ich habe mir gedacht", so erläuterte er in der "Neuen Bibliothek" des NDR-Fernsehens, "daß in der Literatur keine Zukunft für mich zu finden sei." Wiener vernichtete alle literarischen Arbeiten, heiratete und "ergriff eine Karriere im herkömmlichen Sinne": Er wurde Kybernetiker beim Büromaschinenkonzern Austro-Olivetti, baute die Datenverarbeitung auf und avancierte schließlich zum Abteilungsdirektor mit 3000 Mark Monatsgehalt, großer Stadtwohnung und teurem Wagen. Doch der Bohemien versagte als Bürger: Wiener steckte ständig in Schulden, saß wegen kleinerer Verkehrs- und Gewaltdelikte mehrmals in Haft und erschien bei Olivetti nur unregelmäßig. Nach dem Selbstmord seines Freundes Konrad Bayer, der ihn weiterhin zum Schreiben ermuntert hatte, trennte er sich von Firma und Familie und remigrierte in die Literatur. Mit einer Freundin bewohnt er seither illegal eine unbenutzte Waschküche in einem Wiener Gemeindehaus. Seine finanzielle Lage, so sagt er, "könnte schlechter nicht sein": Er lebt von Unterstützungen seines Verlages, vom Einkommen der Gefährtin, die Gobelins webt -- "notfalls stehle ich mir mein Nachtmahl bei kleinen Greißlern zusammen". Als Wiener einen Vortrag über den "Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen" in der Wiener Universität von Notdurft-Darbietungen seiner Künstler-Freunde Günther Brus und Otto Muehl begleiten ließ, wurde er "zwangspsychiatriert" und sieben Wochen in Untersuchungshaft gehalten; die Exkrementen-Macher erhielten rabiate Arrest-Strafen. Verfolgung und Austreibung dessen, "was kräftig ist und was jung ist", empfindet Wiener als symptomatisch für den österreichischen Kulturbetrieb. Sein Vorschlag: "Man sollte ein Museum aus diesem Land machen. Die Bewohner sollten von aller ernsthaften Arbeit befreit und vom Staat ernährt werden. Die einzige Verpflichtung sollte darin bestehen, daß sie ihre Türen nicht versperren dürfen. Und Menschen aus Westafrika oder Südamerika, die können hierherkommen und hineinschauen in die Häuser und sehen, aha, so hat man früher gelebt." Brus und Muehl werden die Museumsbesucher freilich nicht mehr antreffen: Die bepinkeln inzwischen vornehmlich die Bühnen des Auslands. Und auch Wiener trägt sich mit Umzugsplänen: Ihn lockt ein Senatsstipendium nach Berlin. Die Berliner Ehrung folgte den Kritiken auf dem Fuße, die, wenngleich im einzelnen unterschiedlich wertend, Wieners "Roman" allesamt als höchst bemerkenswerten, literarisch kaum kategorisierbaren Sonderfall begriffen. Peter Handke, selbst von den Sprach-Exerzitien der Wiener Gruppe nicht unberührt, rühmte "dieses Unding" ("Süddeutsche Zeitung") als das "Buch, das von allen Büchern der letzten Jahre vielleicht am meisten in Bewegung setzen wird". Das eigentümliche "Langstreckenexperiment" ("Die Welt der Literatur") unterscheidet sich bereits durch die äußere Aufmachung von allen anderen Produkten des Reinbeker Verlages, der à la mode hochglanzlackierte bunte Bücher liefert. Wieners Werk, dem nur der Autor als Designer diente, hat den spröden Schick einer Logarithmentafel für den Schulgebrauch: Der unansehnlich bräunliche Pappeinband der broschierten Ausgabe trägt einzig den schmucklosen Schrifttitel; die Seiten sind extrem engzeilig bedruckt. Als Papier hatte Wiener eine "ganz billige", besonders holzhaltige Nachkriegs-Qualität verordnet: Die rare Ware mußte der Verlag eigens herstellen lassen, was das Projekt stark verteuerte. Der Text hebt an mit jenem Teil, mit dem normale Bücher enden: mit einem "Personen- und Sachregister"; dann folgen ein "Vorwort" von 170 (römisch paginierten) Seiten, einige Appendices, Anmerkungen, ein Theaterstück, in dem das Publikum langsam massakriert wird, und schließlich eine Literaturliste von rund 1500 Titeln (darunter 100 Comic strips), die Wiener inspirierten. "Mein Buch", sagt der Autor, "ist ein Konglomerat von Essays, die sieh teilweise widersprechen." Nicht nur das: "Die Verbesserung von Mitteleuropa" enthält in lockerer Mischung Impressionistisches und Experimentelles, Dialektprosa und linguistische Buchstaben-Klaubereien, Lyrismen und Parodien, Aphorismen ("auch ich bin schöpferisch: ich schöpfe verdacht") und Fußnoten ("den sinn dieser passage verstehe ich heute nicht mehr ganz"), Geistesblitze und Platitüden. Das zentrale Thema (und zugleich Objekt vieljähriger Studien), das Wiener immer wieder formverspielt umrundet, ist die philosophische Fragestellung nach der Rolle der Sprache in der Wahrnehmung und in der wirklichen Welt: "Sprachphilosophie", sagt Wiener, der darauf stieß, nachdem er 1955 in einem Antiquariat Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus" entwendet hatte, "hat immer den Inhalt meines Denkens ausgemacht, meines ganzen Interesses." Wiener, der mit seinem Buch "nicht einmal achtzigprozentig einverstanden ist", hat es nicht beendet, sondern die Arbeit daran 1967 auf Drängen des Verlages abgeschlossen: "Aber ich glaube auch nicht, daß man von einem Buch dieser Art sagen kann, es sei je beendet." Das Ergebnis ist ein monströser Torso, ein literarisches Perpetuum mobile mit hohem Reiz- und Irritationswert, das besonders den Schreibkollegen imponiert. "In Wiener", so rühmte etwa Peter O. Chotjewitz, "haben die Kiffer, Rocker, Beatniks, Schizoiden und Anarchisten ihren beredten Anwalt, der ihre Position auf philosophie-geschichtliches Niveau bringt." Und er fand, das Buch sei "auch, oder gerade, für unser linkes Selbstverständnis unerhört wichtig". Wieners Stück Literaten-Literatur erscheint zur posthumen Hoch-Zeit der Wiener Gruppe: In diesem Frühjahr verlegte Rowohlt zugleich eine Neuauflage von Konrad Bayers Roman "Der sechste Sinn", und das Landestheater Darmstadt grub drei Bayer-Einakter aus (SPIEGEL 23/1969). Auf der Frankfurter "Experimenta" wurde Gerhard Rühm für die Bühne entdeckt (SPIEGEL 25/1969), und Gruppen-Opa Artmann (siehe Seite 129) ist mit einem Übersoll an Titeln offensichtlich auf dem Weg zum Erfolgsschriftsteller. Und auch das "Prestige-Zucken" des Rowohlt-Programms, wie Wiener gern sein Buch bezeichnet, geht gut: Schon in den nächsten Tagen, so rechnet der Verlag, werde die (etwas kleinmütig bemessene) Erstauflage von 2500 Exemplaren vergriffen sein. Was er nach der "Verbesserung von Mitteleuropa" noch unternehmen könnte, das weiß Wiener freilich nicht: Er ist der Meinung, daß sich sein Buch "zum Schluß selbst völlig auflöst und ad absurdum führt. Daher könnte ich auch nicht sagen, was nach dieser Art zu schreiben noch kommen könnte". DER SPIEGEL 28/1969