einiges über konrad bayer (oswald wiener, 1978) oswald wiener einiges über konrad bayer "wissen sie", sagte paolo farkas, "dass wir gar keinen freien willen haben." vielleicht ein bisschen, grübelte goldenberg als er nach hause ging. die angehörigen meiner generation können heute die ungeheuerliche erscheinung wahrnehmen, dass gewisse gedanken der fünfzigerjahre zu personen geworden sind; als seien die vorstellungen zu kompliziert und in ihren gegenseitigen einwirkungen und in den folgerungen zu unübersichtlich geworden, scheinen sie aus den köpfen hinausgestellt, in der «wirklichkeit» nachgestellt, mit menschen aufgeschrieben, die man leicht für blosse zeichen hält. unausgedrückt ist freilich das wichtigste geblieben, nämlich das, was jene gedanken herausgefordert hatte, das motiv, von dem sie unbeholfene näherungen geblieben sind, weil die zeitgenössische problemkulisse, deren konturen die äusserungen notgedrungen annehmen, mit den gesuchten inhalten nicht kommensurabel war. dieses motiv war, so scheint es mir und so fühle ich es noch, die ahnung, dass wir nicht nur von einer "bürgerlichen" kultur, sondern von jeder, insbesondere auch von all dem, was seit zweihundertfünfzig jahren oder länger als wahrheit, sinn und erkenntnis gegen die bürgerliche kultur vorgebracht worden ist, in der beweglichkeit unseres denkens und in der entfaltung unserer möglichkeiten des verstehens, in unserem umgang mit «fakten», in unseren versuchen der de-identifikation gehemmt worden sind, der protest war nicht gegen einen bestimmten staat oder sonst eine folklore, sondern gegen staat, sprache, konsens, verfahren, modelle, "denkgesetze"; nicht gegen verhaltensstile, sondern gegen die formen des eigenen denkens. dass er, für meinen geschmack, nicht einmal annähernd ausgedrückt worden ist, liegt hauptsächlich daran, dass wir den schmerz der widersprüchlichkeit und die blamagen der banalität gescheut haben, dass folgerichtigkeit uns immer wieder in die irre führt, dass wir nach bewährung trachten statt uns zu entlehren. auch haben uns die erbärmlichen bildungsmöglichkeiten jener zeit eine falle gestellt, die es der jugend nahelegten, in den von den übriggebliebenen interpretierten protesten früherer generationen anleitung zu suchen: unsere formulierungen sind in den formen steckengeblieben, die wir als "revolutionär" zu geschwind übernommen hatten, bloss weil sie immer noch aufreizend gewirkt haben. und drittens waren wir zu alt, als wir begriffen hatten, dass wir die ganze bildung würden durchmachen müssen. dieser aufstand wird mit den köpfen, die sich ihn nicht deutlicher machen konnten, verschwinden. was für die taktik zu befürchten war, ist weitgehend schon eingetroffen: in den versuchen, eine «neue» sinnhaftigkeit zu mobilisieren, überlebt der alte sinn. die selben sätze, ausdrücke und stile, die wir provisorisch benutzt haben, um einen aufbruch zu beschreiben, bezeichnen nun wieder das, dessen überwindung sie einleiten helfen haben sollen, das werkzeug ist abgeglitten; ja, die angeblichen schilderer dieser epoche haben, z. b. truffaut oder godard, indem sie die «atmosphäre» rekonstruierten, nichts als eine sprache beschrieben, und deren gegenstand verfehlt (als berichte ein mensch seine gedanken, und ein stilist untersuche die ausdrücke, die jener verwendet). voreilige und oberflächliche erörterungen in der viel flacher motivierten öffentlichkeit haben die spannung in den individuen auf den sozialen prozess projiziert, in dem sie ohne chance auf schöpferischen ausdruck abgebaut wird. die darstellung der gedanken durch personen ist weder so schnell noch so komplex noch so vorläufig wie gedanken; die personifizierungen fahren sich unvermeidlich in der geschichtlichkeit fest; die übersetzung in psychodramen zwingt jene ansätze in eine besonders unbewegliche grammatik, deren eigengesetzlichkeit die kaum erfassten inhalte ganz zuschüttet. sicherlich trägt zu diesem meinem eindruck bei, dass man im wien meiner adoleszenz keinerlei wahl in seinem umgang hatte, während ich heute in der massengesellschaft lebe. es war nicht möglich, einen menschen nicht wahrzunehmen, bloss weil er ansatzpunkte und themen herumtrug, die den eigenen zuwiderliefen. der druck der kompakten gesellschaft hielt alle divergenzen der aussenseiter zusammen, man musste sich detailliert auseinandersetzen und war gezwungen, sich in bahnen einzudenken, die man nicht freiwillig gewählt hätte. manche meiner freunde hat das wie mich selbst in versuchen gefördert, nicht das zu sein, was man denkt, sondern das eigene denken wie ein fremdes wahrzunehmen. heute sind, scheint es, verhältnismässig wenige formulierungen auf eine unzahl von menschen verteilt, von denen jeder mit dem auf ihn entfallenden fetzen zufrieden ist; es fällt leicht, den mann abzuweisen, da sein vortrag so beschränkt ist und die auswahl unter den anderen bruchstücken so gross. kommt es dennoch zu auseinandersetzungen, so finden sie in einem jargon beliebigen begreifens statt, der ideen in originalitäten erdrückt, und widerspruch dient nur mehr zum "markieren" von "positionen", wo sich der naive durch das profil seiner bedürfnisse disqualifiziert. schriftstellerische arbeit damals hat einige von uns schnell zu der einsicht geführt, dass die wichtigsten einsichten in die natur des denkens und der mitteilung fehlten. für den einen oder anderen war vielleicht gerade das ein grund, an den wert der dichtung zu glauben. aber in dem für mich einzig bedeutenden teil der heute so genannten konkreten poesie war sie ein experiment, sich über die mechanismen des verstehens und des «wirkens» von sprache erste hypothesen zu verschaffen. selbstverständlich ist konrad bayer nie ein «konkreter dichter» im sinne der heutigen anthologien gewesen. er war auch nicht in erster linie ein schriftsteller (dessen leben dazu dient, ein werk zu begleiten oder zu illustrieren); das meiste, was in form von anregungen und ideen von ihm ausgegangen ist, erscheint in seinen schriften nicht, oder jedenfalls nur so tastend, wie es sich in den damals möglichen formulierungen unterbringen liess. das schreiben ist nicht ein mittel künstlerischer «darstellung» gewesen, sondern ein instrument zur untersuchung von denkvorgängen und für den schreibenden ein natürlicher hebel zum hinausschieben seiner im schreiben ihm merkbar werdenden vorstellungsschranken. konrad hat durch seine persönliche anwesenheit und durch sein gespräch weit stärker und folgenreicher gewirkt als durch seine arbeit, die man seither als «avantgarde» in traditionen gestellt hat, wie man es tut um den «dichter» aus klischees zu synthetisieren. gegen die heimholung (er gilt hie und da bereits als vorläufer seiner missversteher) wird mehr über den mann gesagt werden müssen. während ich von früh an gefühlt habe, dass mich meine eindrücke zu direkt berühren, dass ich mich flüssiger machen müsse statt auf die ereignisse einzuwirken, schien konrad daran interessiert, seinen einfluss auf andere menschen zu studieren. er war häufig mit dem arrangement einer szene oder einer situation beschäftigt, um andere zu für ihn vorhersagbaren handlungen zu bringen (nicht vorwiegend handlungen, die einen ausserhalb des experiments liegenden vorteil für ihn bedeutet hätten). diejenigen, die solche szenen als mitteilungen auffassen konnten, hatten die chance, seine freunde zu werden. im allgemeinen aber verhielt er sich so, als wären die vorstellungen der menschen von sich selber und ihrer reise durch die situationen zu rudimentär und zu starr, um bewegungsfreiheit zuzulassen. er trachtete danach, einen umfassenderen überblick über die jeweilige lage zu haben als die menschen, die diese lage mit ihm zu teilen schienen, und vergewisserte sich darüber durch kleinere und grössere eingriffe oder akzentverschiebungen. freundschaft mit ihm war waffenstillstand. auch ich bin immer wieder, bis zu seinem tod, wie ich glaube, ein opfer solcher erprobungen der tüchtigkeit seiner vorstellungen gewesen, ja manchmal sogar der anlass zu besonderen abgrenzungen, neben seinen selbstversuchen ein objekt, das er vielleicht besonders gut zu kennen meinte. wenn konrad eintrat, befiel einen eine gewisse spannung, die situation gestattete nicht mehr ein ruhen in ihr oder eine bewegung mit ihr, man war nunmehr gezwungen, sie immer wieder, ihre einzelheiten, die möglichkeiten ihrer interpretation, der interpretation der eigenen erscheinung in ihr, die konkreten anblicke und ihre möglichen bedeutsamkeiten durchzugehen und die möglichkeiten von veränderungen vorwegzunehmen. die niederschrift vieler gespräche wäre unverständlich, da die zusammenhänge nur durch schnelle wechsel in der brennweite der aufmerksamkeit und durch umklappende vorstellungen, die sich nicht immer in formulierungen zeigten, gewahrt werden konnten. man durchmusterte die gegenstände und die bewegungen immer wieder, man geriet aus dem kaffeehaus ins unbekannte. wer das nicht vermochte und dennoch mehr sein wollte als staffage, wurde material; ein bekanntes theaterstück von w. bauer paraphrasiert einen weitgehend durchdachten plan, den konrad mit w. t. und mir längere zeit hindurch weiterfeilte und der eigentlich nur deswegen nicht völlig in die tat umgesetzt worden ist, weil das globale gelingen nicht recht zweifelhaft war und weil ein unterschied zwischen einem menschen und einer vorstellung schwierig zu treffen ist. hierher gehört auch ein teilweise ausgeführter versuch, sich ohnehin anbahnende veränderungen in den liebes- und eheverhältnissen einiger unserer freunde zu beeinflussen, und diesen versuch als eine schlacht zwischen ihm und mir auszutragen, deren soldaten, nichts von zwecken vermutend, dem sieger seine fähigkeiten bestätigen würden (als boxkämpfe und duelle tauchen gesprächs- und steuerungssituationen wiederholt in seiner arbeit und in unserer zusammenarbeit auf - auch dafür lässt sich, wenn man glaubt, eine tradition finden). ich habe etwas daraus bis heute behalten und verstärkt: dieses verstehen einer situation ohne vertrauen auf «manifest» werdende züge und das verwerfen des verständnisses, sobald man merkt, dass man verstanden hat und danach zu handeln beginnt; die übung darin, die befriedigung des begreifens abzuweisen; die geübtheit, sich beim begreifen zu ertappen, seinem eigenen verhalten überlegen zu werden und sich von ihm zu distanzieren noch während es anhält; es nicht zu verändern. eine art bargeldloses verstehen. jene gefährlichkeit einer bekanntschaft mit konrad ist einigen leuten gleich aufgefallen (für manche ist er heute noch der teufel) - müttern manchmal, und ehefrauen (ihnen nicht etwa weil er sich, was vorgekommen ist, ihnen genähert hätte): die söhne, töchter, ehemänner (die ehefrauen auch, aber männer haben nicht oft sinn für so eine meteorognosie) benahmen sich neben konrad ein wenig anders anders als neben anderen besuchen, ohne das für etwas erklärenswertes zu halten. gewiss war in seinen bemühungen, die situation zu beherrschen, der geschlechtliche aspekt oft ein scharnier. es ist nicht ganz leicht, eine für mich befriedigende beschreibung zu geben. einerseits sind die automatiken der sexuellen attraktion bequeme faktoren zur ordnung einer lage. andrerseits bin ich überzeugt, dass sich konrad im widerspruch zwischen der welt der sexuellen verständigung und derjenigen der gesellschaftlichen konventionen und vielleicht drittens der mitteilungsstrategien eines verstandes nicht deswegen häufig auf den standpunkt der ersteren stellte, weil er die sexualität als sein element betrachtet hätte, sondern weil er auf das vorhandensein einer überrealen ordnung gehofft hat und den trieb als ein instrument zur freilegung von fähigkeiten und verhaltensmöglichkeiten sah, die durch ihn keineswegs erklärt werden. eine andere facette wäre diese: in einer gesellschaft mit regeln zur eindämmung der sexualität ist der beischlaf der lohn für richtige einschätzung der jeweils gegebenen lage, und doch wird der erfolg immer symbolischer, je grössere anstrengung die steuerung verlangt oder erhält, es geht immer mehr um die durchbrechung der einschränkungen, sie wird zur vorbedingung ganz anders gearteter entwicklungen. der gewinn einer frau für diesen tag ist nach begabung auf mancherlei wegen möglich. erfolgt er auf dem weg eines kalküls ad hoc, so addieren sich mindestens zwei aspekte zu einer art von macht, die auf das "natürliche" ziel verzichten kann: das selbstgefühl des demiurgen, der eine «wahrere» interpretation geschaffen hat, und die gesetzmässigkeit, die sein stil für andere (mitbewerber z. b., aber das ist nur das nächstliegende) aufgebaut hat. sie sollte nicht mit der automatischen attraktivität des don juan verwechselt werden (der nach vorliebe aus triebhaftigkeit oder psychoanalyse hergeleitet werden mag; oder vgl. j. rechy, numbers, ohne metaphysik verständlich) und bewährt sich nicht durch wiederholung, sondern durch entwicklung - allein schon deshalb muss der übermächtige dinge tun, die ihm widerstreben, zum beispiel heimgehen, so vor dem konsum. da die sexualität hier stärker als ein durch die gesellschaft erzeugtes schema erscheint denn als natur, gesellschaftliche einschränkungen aber der stoff des demiurgen sind, kann zwar «das böse» als eine tiefere wiewohl völlig ungenügende wahrheit, nicht aber verstricktheit, wie zum beispiel bei batailles abbé c, eine rolle spielen. ich glaube hier ist der berührungspunkt mit serner, und einen schritt abstrakter mit dem fremden von camus. diese ebenen der konkreten, experimentellen einflussnahme, die beschränkungen auffinden und hypothesen dazu überprüfen soll, und der selbstentwicklung an der tragik der anderen unterscheidet konrads interesse an der «schwarzen» literatur von demjenigen seines freundes artmann, der sich in formalerer weise mit der poesie von konstellationen aus menschen und namen beschäftigen konnte, weil er nicht persönlich involviert war. konrads sympathie für den surrealismus z. b. müsste unter dem blickwinkel der gefährlichen liebschaften, de sades und barbeys, der spleens von paris gesehen werden, und sein leben und seine arbeit als die anstrengung, über die auf anthropomorphismen beschränkte wahrheit dieser beschreibungen hinauszugelangen. nina und mirjam (vgl. "der sechste sinn") sind aus eigenschaften verschiedener personen zusammengesetzt, die im leben konrads eine rolle gespielt haben, und einige von diesen waren je nach gesichtspunkt nina und mirjam in einer. nina ist ein engel wie konrad selbst. fliegen konnte man mit menschen, deren gegenkalkül das bild der gegebenen situation so komplizierte, dass die «wirklichen» gegebenheiten hinter den interpretierenden konstruktionen verschwanden, nur absprungs- und verstreute beweispunkte waren: um die reibungslosigkeit des schwebens zu sichern, ist erforderlich, dass manchmal menschen mit ihren höheren fähigkeiten sich als dinge an die stelle von dingen setzen, die in ihrer unbeweglichkeit einem sie betrachtenden kalkül nicht nachgeben können. andererseits kenne ich das durchleben einer situationsinterpretation sehr gut, von der schon offenkundig ist, dass sie ohne opfer nicht zum passen zu bringen sein wird; ebenso wie das mitreissen der dinge auf ein niveau, auf dem sie ihre punktuelle aufgabe perfekt improvisierend erfüllen. ich habe eine oder zwei ninas gekannt, die gewiss diese fähigkeit, durch die eigene interpretation die lage aufzuheben, nicht hatten; bei ihnen hat wahrscheinlich ausgereicht, dass sie aus anderen gründen schwer berechenbar waren, und dass konrad fehlende momente selber ausgleichen konnte; und es hat mirjams gegeben, die berechenbar waren, weil sie sich mit weniger begnügten als sie begriffen hatten. es erscheint mir längst nicht mehr paradox, dass konrad liebe suchte und manchmal hatte, oder dass gerade in diesen beziehungen die normalen fundamente einer zuneigung zwischen mann und frau eine geringe bedeutung besassen. es ist nicht unwahrscheinlich, dass konrad auf die fähigkeiten gewisser frauen im interesse seiner eigenen entwicklung mehr hoffnung setzte als auf seine freunde. ich denke z. b. an intelligenzen, die sich im rahmen der sozialen gegebenheiten nicht in der gleichen vordergründigen art ausspielen können wie das männern offensteht, und die manchmal konsens und konvention in relevanteren und gefährlichen entwicklungen unterlaufen. ich habe keine anfeuerungsmittel benötigt, um in der gesellschaft konrads einen ekstatischen zustand zu erreichen. seine meist ärmlichen wohnungen waren unabhängig von ihren ungleichartigen und manchmal das bizarre streifenden ausstattungen nicht nur für mich ganz besondere orte, mit deren betreten einen ein kraftvolles korrektiv für sonst recht brauchbare strebungen und erklärungen gewissermassen zur besinnung brachte. für einige waren die lockerungen perspektivischer zwänge und identifikationen, die konrad mit leichtigkeit, mit gesten, bewirken konnte, als ein ekstatisches moment auch dann ohne weiteres begreifbar, wenn sie den intellektuellen anstrengungen nicht folgen konnten und, meist aus ängstlichkeit, die ganze ablösung nicht mitmachen wollten. ich gestehe dass auch ich in diesen jahren von der ängstlichkeit nicht frei gewesen bin, einer ängstlichkeit, die sich als gesund darstellte und die instinktiv und deutlich die grenzen fand, an denen das dégagement irreversibel zu werden drohte und an denen auch die körperliche gefahr begann. in der immer wieder einbrechenden konventionellen erinnerung erschien allzu viel von dem, was im augenblick des geschehens meisterhafte präzision und unantastbarkeit war, als verkettung haarsträubender glücksfälle. konrad war von der todesangst weiter entfernt und konnte wohl auch mit den anfechtungen jener nüchternheit besser fertig werden. er hat mehrere male vorkehrungen getroffen, seinem leben ein ende zu setzen; nie waren dafür gründe zu sehen, die einem konventionellen begreifen genügt hätten. andrerseits muss auch in betracht gezogen werden, dass wir in einem milieu lebten, in welchem freitode und ungewöhnliche unglücksfälle nicht eben selten waren; es ist damit bis heute noch nicht zu ende. konrad hat, der erste in meinem bekanntenkreis, auch mit rauschgift experimentiert, doch hat ihn das meines wissens nicht befriedigt. ich erinnere mich an versuche, zu denen er mich überredete, deren ergebnisse, eine gewisse gelähmtheit, "alberne euphorie", regression und «experimentelle oligophrenie», zwar einsichten in das von uns nicht verachtete gebiet des infantilen protests gebracht haben; sie haben aber nie zu der gesuchten beschleunigung geführt, wie wir sie in gewissen phasen des alkoholrausches und viel einprägsamer und gültiger im zustand völliger nüchternheit erlebt haben. bestimmte musikalische ideen sind gefördert worden. er war theoretischen formulierungen viel weniger abgeneigt als seinen schriften abzulesen wäre. seine versuche, sich eine tradition zu schaffen, enthielten den wunsch nach einem rahmen für die argumentation. aber obgleich man die dichtung, die ihn beeindruckte, unschwer als ansätze zu theorien sehen kann (das ist unter anderen deutlich bei artaud oder breton der fall) blieb das problem, dass wir bisweilen ein verständnis in ihr unterbringen mussten, das dem vermutlichen selbstverständnis ihrer urheber widersprach. ich fühle mich gehemmt, einen so wichtigen punkt in der hier nötigen kursorischen weise anzugehen. wir haben längere zeit im schrifttum des anarchismus nach theoretischen entwicklungen gesucht, die wir für uns hätten verwenden können (es war damals in den antiquariaten für wenig geld zu haben, wenn man geduld hatte). es schien dann aber, als sei in gewissen «romanen» und gedichten, in den lebensläufen ungewöhnlicher menschen, und in werken, die man zu den kuriosa zählt, mehr über unsere probleme zu erfahren gewesen als bei den doch recht einfältigen revolutionären, die die rechte von wahrheiten und mehrheiten zu den ihren machten, den zivilisatorischen prozess fortsetzen wollten, und deren «theorien» in ihren voraussetzungen viel zu kurz, in ihren drängen zu konform, in ihren zielsetzungen so traulich waren. stirner hat uns beeindruckt, weil wir ihn als erkenntnistheoretiker lasen, aber gerade der individualanarchismus hat seine kühnsten vorstellungen als dichtung entwickelt. in der tat sehe ich in gewissen werken der «schwarzen» romantik bilder des menschlichen bewusstseins, die noch nicht erledigt sind. natur, die durch beiläufiges zusammentreten ihrer wallungen eine flüchtige selbstbetrachtung ins leben ruft (derer sie nicht in einsehbarer weise bedarf) hat umso geringeren anspruch auf einverständnis des bewusstseins, je deutlicher es sich als oberfläche von bewegungen begreift, auf die es keinen einfluss hat. möglichkeiten des widerstands gibt es nicht, da ist leiden und gleichgültigkeit widerstand. es gibt maldoror, der sich von mal zu mal aufs neue zusammensetzt, sobald die interferenz von materialien, mit denen er nichts zu schaffen hat, den pegel überspült; sich immer wieder auflöst wenn die wellen zusammenbrechen, und im moment seiner existenz «weiss», dass er nicht beabsichtigt ist und dass ihn dieses wissen über die gesetzmässigkeit stellt, die ihn hervorbringt; jedes flackern in den sinnesorganen jede zu grobe rasterung jede bildstörung gibt eine hoffnung auf unabhängigkeit; in der unangemessenheit liegt eine chance auf freiheit. es gibt gilles, dem eine hierarchie von notwendigkeiten die loslösung gestattet, weil er sich in ihr auf einem niveau aufhält, das durch die grundbedingungen nicht mehr bestimmt wird: ein niveau, das die bahnen steuert, auf denen es einflüsse zu sich gelangen lassen will - er erhebt sich mit hilfe der gesetze über die gesetze, alle ordnung, alle wahrheit ein werkzeug, die wahrheit zu verlassen, über dem bau der evolution ein einzelner, für den die ordnung nichts als ein transportmittel ist: im aufeinandertürmen von abhängigkeiten, in der kompliziertheit der ineinandergreifenden interpretationen liegt eine chance auf freiheit. es ist nicht wesentlich, ob lautréamont oder huysmans so verstanden werden wollten, was zählt ist, dass sie in diesem verständnis immer noch aktuell sind. unübersehbar allerdings erscheint in der «schwarzen» dichtung das zentrale problem, die wirklichkeit, immer nur als soziale struktur, immer als moral, handlungsmaxime, als theoriefundament des verkehrs und bewertens, als theologie. notwendigkeit erscheint als gott, aber herausgefordert und bekämpft wird der gott der moral, der alte menschenähnliche gott des staates, der moleküle nur geschaffen hat, um seinen sklaven ein ambiente zu geben, nicht aber moleküle, aus denen die menschen selbst (und die dichter) bestehen. es ist ein schwerer nachteil dieser dichtung, dass sie immer noch als protest gegen unangemessene folgerungen der sittlichkeit aus wahrheiten verstanden werden kann, die an sich akzeptiert werden. diese helden sind nicht annehmbar, die sich an den menschen dafür rächen, dass sie selbst wie ein tropfen eine rinne hinunterrollen müssen und dass ihr terrain ihr schicksal ist; und sie sind nicht plausibler geworden, auch wenn sie in der gegenwart wieder einmal fleisch gewinnen. aus vielen gesprächen mit konrad ist mir klar geworden, dass die unabhängigkeit des individuellen verstehens angesichts genormter zeichensysteme zu argumentieren einen versuch bedeutet, jenen solipsismus mit modernen mitteln fortzusetzen. es ist nicht so, dass soziale entwicklungen am status des individuums etwas geändert hätten; ganz im gegenteil haben die naturwissenschaften die zurücknahme des postulates metaphysischer freiheiten und der damit verbundenen vorstellung von der möglichkeit einer individualität erzwungen, die der rede wert wäre. die unfruchtbarkeit der soziologischen diskussion zeigt, auch sie ein erbe des problems, dass dafür nur auf dem niveau der naturwissenschaften entscheidungen zu erwarten sind und dass sich die kunst dorthin begeben wird müssen, wenn sie ihr klein gewordenes feld behaupten will. experimentelles schreiben ist forschung geworden, ein versuch, modelle des menschlichen verstehens zu erlangen, die ohne isomorphien von zeichensystemen und inhaltlichen zusammenhängen auskommen; ja ich glaube, dass die experimentelle kunst seit dem krieg der ansatz zu einer kritik der formalen kommunikationstheorien geworden ist und dass sie in dem bemühen langsam vorankommt, dem inhaltlichen gesichtspunkt als dem individualistischen eine argumentierbare theorie zu verschaffen. von solchen gedanken aus erscheinen mir die erwähnten beeinflussungsexperimente konrads noch stärker als experimente mit den möglichkeiten der kommunikation: handlungen als nachrichten, wahrnehmung von verzerrtheiten der situation als berichtigung des konventionellen identifikatorischen wortgebrauchs; seine idee einer dichtung aus körperbewegungen und vorzeigen von gegenständen, von begebenheiten als unverbrauchten codes, nicht als wirklichkeit, auf die die worte sich zu beziehen haben. dass inhaltliche kommunikation (über das bewusstsein des hörers) nicht zu erzwingen ist und dass sich steuerung auf formale verfahren (arrangement der umwelt) beschränken muss, die durch adäquate verständnisse stets neutralisiert werden können, das ist nicht resignation, sondern hoffnung. daher kommt auch, wie ich glaube, seine fasziniertheit vor dem künstlichen, die ich übrigens teile, und der er z. b. in seinem "lapidaren museum" (der stein der weisen) so starken ausdruck gegeben hat: den glauben an das echte zu erschüttern und die gegenstände nur als funktionen gelten zu lassen, die eigenschaften einer souveränen vorstellung sind (" ... künstliche ente ..., die echte körner aufpickt und echten dreck von sich gibt"); selbst eine maschine sein, die sich selber in neue dimensionen weiterbaut und die notwendigkeiten einer primitiveren phase als bausteine der beliebigkeit verwertet. wahrscheinlich drückt auch das dandytum, mit dem konrad sich beschäftigt hat, diesen gedanken einer grenze aus, die verhalten und bewusstsein voneinander trennt. mir ist nicht klar, ob ich statt dieser skizze nicht lieber erinnerungen an gemeinsame erlebnisse hätte ausbreiten sollen. tatsache ist, dass sich in meinem gedächtnis aus elf gemeinsam verbrachten jahren verblüffend wenig zitierbare begebenheiten finden; es ist vermutlich so, dass wir aus dem stoff der erlebnisse material zur konstruktion von bildern der persönlichkeiten gewinnen, die uns beeindrucken, und dass dieses material dann nicht mehr gesondert und frei verfügbar ist, weil das typische im wissen um die person liegt und nicht in den einzelheiten, die das modell geformt haben.